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Was bleibt,
wenn alles vergeht

Kunst gegen Bares, 12/24

Hinweis:
Dieser Text behandelt Themen wie Krankheit, Sterben, Verlust und Trauer.
Er kann starke emotionale Reaktionen hervorrufen.

〜

Du liegst im Bett, eingehüllt in einer weißen Decke – es ist deine letzte Strecke.

Ärzte haben aufgeklärt:
Du wirst bald sterben.

Aber deine Kinder haben sich gewehrt
und gestikulieren,
und während sie ungehalten reagieren,
über angebotene Therapieformen diskutieren – blickt dein kleiner Enkel zu dir herauf,
steht bei deiner Tochter,
sein kleiner Kopf
neben ihrem Babybauch,
lächelt, reicht dir die Hand.

Sie fühlt sich weich an –
und leicht.
Du zwinkerst ihm zu,
müde.

Und während der Junge dasteht
und dich einfach ansieht,
weißt du: 
Er ist der Einzige, der versteht.

Und dein Schwiegersohn?
Mit seinem großen Einfallsreichtum?
Gibt keine Ruhe.
Steht da.
Stocksteif.
Und na klar –

Es muss doch was geben, um noch länger zu leben.

Aber die Ärzte reden nicht von Jahren
– sowieso nicht
und eher nicht von Monaten.

Und dann denkst du an das Kind im Strohwagen, denn bald ist Weihnachten,
und du weißt –
das schaffst du nicht.

Und auch wenn es traurig klingt –
du wirst dein zweites Enkelkind
nicht mehr im Arm halten.

Aber deine Kinder
suchen weiter nach einem Wunder,
nach einer besonderen Energie –
in Form einer Behandlung,
einer letzten Therapie
gegen die Erkrankung.

Bald – im Sinne von irdisch messbaren Größen.

Doch deine Kinder wollen die Dinge für dich lösen, diskutieren weiterhin:

„Das Baby ist fast da – deine erste Enkelin!“

Und sie reden nicht von Monaten –
sondern von wenigen Wochen,
von Tagen.

Die Stimme deiner Tochter klingt gebrochen,
sie verliert gleich die Fassung.

Dann redet sie von Entlassung aus dem Krankenhaus, will dich zu sich nehmen
für einen Gaumenschmaus
an Christmas Eve.

Wirft dir vor, du siehst alles viel zu negativ.

Sollst die Situation anders bewerten und an DIE Menschen denken, die dich verehrten.

Sie streicht über ihren schweren Bauch,
ein schmerzverzehrtes Gesicht:

„Mama, gib nicht auf,
diese Art zu handeln
entspricht dir nicht.“

Eine Therapie ablehnen
heißt nicht aufgeben – willst du sagen.

Aber du hast keine Kraft
und Angst vor der Reaktion –
und den andern Fragen:

„Alles wird gut, Mama.
Du musst dich nur aufraffen.
Dann können dir die Ärzte
noch etwas mehr Zeit verschaffen.“

Und als könnten sie hellsehen,
die Zeit zurückdrehen –
haben sie die Entscheidung
für dich übernommen.

Deinem Körper wird eine neue Energie
in Form einer Strahlentherapie
sicherlich gut bekommen –

In dieser toxischen Positivität 
denkst du an Energieerhaltung,
an Einsteins spezielle Relativität,
an die Austauschbarkeit
von Masse und Energie.

Und du weißt auch um die Zunahme
von Entropie.
Spürst die Unordnung
in deinem tumormassereichen Körper,
der langsam zerfällt –
wie die Ordnung deiner Familie,
die sie mit Regeln und Erwartungen
immer aufs Neue herstellt.

Ja, du verstehst die Verzweiflung deiner Tochter,
die hilflose Traurigkeit.
Erinnerst dich, wie sie dir als Kind –
wie sie dir als Teenagerin – entgegenschreit:

„Lass mich mein Leben leben!
Ich entscheide für mich selbst.
Und mir ist es ganz egal,
was du davon hältst!“

Dann – war die Tür ins Schloss gefallen.
Damals.

Die Dinge wiederholen sich,
wenn alles so bleibt im Fortschreiten der Zeit.
Und wahr ist das – mit dem Energieerhaltungsgrundsatz
in einem System.

Ich weiß,
du würdest ihn gern an deine Lebensenergie anlehnen.

Denn Energie lässt sich nicht erzeugen
und auch nicht vernichten.
Man kann sie umwandeln –
und sie lässt sich verdichten.

Und wenn du nicht mehr auf dieser Welt bist,
du von vielen lieben Menschen vermisst wirst –
bist du nicht komplett weg.

Nur dein Körper verschwindet,
wenn er Schmerzen,
Leiden und Traurigkeit
überwindet.

Nicht in Monaten, nicht in Wochen –
vielleicht in ein paar Tagen.

So genau kann das – aber niemand,
auch keine Ärztin mehr sagen.

Sterben ist individuell.
Wie die Geburt.
Und das Leben.

Alle Ereignisse
folgen nur bedingt bestimmten Regeln.
Und wenn es dein Wille ist,
darfst du jede Therapie ablehnen.

Dann sagst du es, leise:
„Ich will nicht –
Ich will nicht mehr leben.“

Und dann kommen die Fragen…

Aber im Schutz der kleinen Hand
deines Enkels, kannst du den letzten Moment
deines Lebens noch ertragen.

Und in einem Brief steht,
den der Junge später in seiner Hand hält:

Wenn ich nicht mehr auf dieser Welt bin,
ist das für euch erstmal schlimm.

Und es tut mir so leid.
Aber ich werde nicht ganz von euch gehen –
nur mein kranker Körper wird nicht mehr bestehen.
Meine Essenz – die wird überdauern.
Ich wünsch mir, ihr würdet nicht zu lange trauern.

Denn wenn ich gegangen
und nicht länger gefangen
in meinem Körper bin –
ist ein Teil von mir – als Lebensenergie – für immer
in eurem Herzen drin.

Und wenn wir erkennen, dass es keinen Tod gibt,
sondern nur die Veränderung der Form…
Wenn wir Sterben und Geburt nicht mehr trennen,
uns nicht zum Ende oder Anfang bekennen –

vielleicht beginnen wir dann,
für immer,
von vorn.

Dezember ´24

– KlrxT ❤︎ɣ

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