Oktober 2024

Ein gewaltiger Falter.
Ein Schmetterling.

Eigentlich nicht mein Ding, die Tiere –
aber dieser war anders.

Blauschwarz.
Und deswegen besonders.

Ein schwarzer Schmetterling
sitzt an der Decke über meiner Wohnungstür.
Das ist jetzt ein paar Wochen her.

Die dürren Beinchen – ich erkenne vier –
seitwärts ausgestreckt.

Auf Zehenspitzen
nähere ich mich ran.

Der tiny Körper,
wie ein Knoten
mit zarten Härchen dran.

Die Flügel geschlossen –
ein Gewand wie aus Samt.
Es wirft einen hellen Schatten an die Wand.

Sofort bin ich unentschlossen.
Aber das kenn ich schon von mir.

Zwischen Ekel und Faszination
starre ich auf das Getier.

Ich stehe da und finde es bizarr –
das flauschige Haar
und dieses schuppig schwarze Flügelpaar.

Ich stolpere rückwärts —
was, wenn er sich bewegen würde?
Mit einem Flügelschlag.

Und ich frag mich,
wie gestresst mein Gehirn sein kann —
und was ein kleines Insekt vermag
mit einem Gewicht von vielleicht zwei Gramm.

Aber der schwarze Schmetterling bewegt sich nicht.
Nicht heute.
Nicht morgen.
Auch nicht in der nächsten Zeit.

Isoliert.
Fast wie eingefroren.
Oder einfach noch nicht bereit — für was auch immer.

Eine Woche später.
Er sitzt noch da.

Ich gehe wieder näher ran.
Und dämonenhaft
zieht das kleine Wesen mich in seinen Bann.

Sein dunkles Flügelpaar – ich sehe genau hin –
erinnert jetzt an einen flachen Stein.
Einen ungeschliffenen Turmalin.

Ich fotografiere das Tier.
Und auf dem Bild
ist seine Präsenz plötzlich weniger.

Aber er hängt noch, wie betäubt –
schwarz auf weißer Zimmerdecke.
Flügelschatten in der Ecke.

Ich recherchiere über die Bedeutung
eines schwarzen Schmetterlings.

Allerdings – man mag es wollen oder nicht –
ist es wie immer Auslegungssache.
Und keine unbedingte Glaubenspflicht.

Okay, denk ich – dann hab ich die Wahl.

Schwarze Schmetterlinge,
egal welches Alter,
ob Tages- oder Nachtfalter – so heißt es –
erinnern daran,
dass selbst die dunkelste Zeit
zu einer hellen
und wunderschönen werden kann.

Eine Verwandlung ist vielleicht gemeint.
In einer schwarzen Zeit.
In dunklen Zeiten,
die uns begleiten,
uns im Wege stehen,
wenn wir unseren inneren Kern
nicht mehr sehen
oder fühlen.

Weil wir isoliert sind.
Betäubt vom Leben.
Vom Ich-muss.
Mein Bestes geben.
Weiter existieren.
Noch mehr investieren.

Und es reicht nicht –
weil es nicht gut genug
und einfach nicht leicht ist.

Dafür: Selbstbetrug.
Alle Pflichten erfüllen.
Bedürfnisse anderer stillen.
Im Zweifel gegen den eigenen Willen.

Gegen. Meinen. Willen.

Dinge vortäuschen, die nicht echt sind,
um anderen gerecht zu werden,
die selbst nicht gerecht sind.

Enttäuschungen hinnehmen – und selbst enttäuschen.
Ein Geben und Nehmen,
wie in geschätzten Lebensverläufen.

Gegen. Meinen. Willen.

Subtil.
Ohne Lärm.
Wickelt sich das Seil weiter um meinen Kern,
schnürt ihn zu –
wie der fasrige Knoten damals
an meinem Kinderschuh.

So fest zugezogen,
selbst Knotenmutter
mit ihren Trennmethoden
hat betrogen –
und ihn einfach abgerissen.

Aber —
das Karma ist verbissen.
Und es rächt sich.
Besonders, wenn es schlecht ist – sagt man.
Und irgendwann sind wir alle dran.

Nein.
Die Präsenz des schwarzen Schmetterlings
steht nicht für schlechtes Karma.

Das ist nicht meine Interpretation.
Transformation.

Vielleicht als Weg
aus der Isolation.
Aus der Schockstarre.
Wo alles Unklare
neue Gestalt annimmt.

Ich Nein schreie
an meinem Hochzeitstag –
und zwar selbstbestimmt.

Der betäubende Schlaf im Licht verschwimmt,
oder zum Erwachen führt 
wenn der Schmetterling
den Kern mit seinen Flügeln berührt.

Aber dafür müsste er frei sein
aus der Schlaf-Gefangenschaft des Knotens.

Ergibt das Sinn?
Ich weiß es nicht.

Und ich bin auch nicht Dornröschen.
Dafür bin ich zu alt.
Und der Knoten zu haarig.

Sitzt zu fest.

Und es kommt keine Knotenmutter
in Gestalt eines Prinzen,
der den kratzigen Knoten
mit einem Schwert durchtrennt.

Zum Glück.
Denn das entspricht nicht dem Zeitgeist.
Und beweist:

Niemand will heutzutage
noch einen Prinzen.
Den würden alle wegblinzeln.

Denn – wenn ich es mir wert bin,
weil ich mein eigenes Schwert bin –
meine Knotenmutter,
die den verirrten Kern befreit
und nicht abreißt –
mein Leben –
das heißt:
meine Entscheidung.

Meine Transformation.
Mein eigenes Kind, mein Sohn.

Alles ist Auslegungssache.
Aber das schenkt Vertrauen.

Und ich will –
wie es sich darstellt jetzt –
einfach mal glauben

KlrxT ❤︎