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Resteverzehrerin
〜

Ich bin ne Single Mama –
Resteverzehrerin.

Ich bin Teilzeit-Sozialarbeiterin,
hab Verehrer
hätt aber lieber mal Verehrerinnen.

Immer ohne Tempos,
immer ohne Keks.
Immer ohne Apfelschnitzen –
aber immer unterwegs.

Ich bin immer on
und arbeitstechnisch mittendrin,
als wollt ich nen 
Wettbewerb gewinnen.

Mein Junge am Jammern
und ich bin gestresst:
„Beeil dich,
jetzt komm schon,
du gibst mir den Rest.“

Single Mama wirds
alleine erledigen – 
beruhigen,
bespaßen,
das Haustier beerdigen.

So ging es weiter,
Jonah war vier,
da nahm ihm die Erzieherin
sein Kuscheltier.

Dafür sei er doch schon zu alt.
Da hat er sich versteckt
und sein Tier dann heimlich aufgemalt.

Auf dem Kindergartenfoto –
ohne seinen Kuschelhund.

Das Bild in der Hand –
lächelnd mit gequältem Mund.

Anstatt die Frau darauf anzusprechen,
anzuschreien: „What the cluster-fuck?!“ 
Hab ich einfach weitergemacht:

Perfekt in der pädagogischen
Teilzeitarbeit,
während mein eigenes Kind beim Babysitter
Vollzeit nach mir schreit.

Mein Leben voller Termine –  
viele, die ich vergessen hatte.

Die Info aus der Kita,
etwas mitzubringen,
war mir nicht mal Latte –
ich hatte
die E-Mail nur nicht gesehen.

Und im Nachhinein:
Wie konnte das geschehen?

Ich wurde nicht angesprochen
und nicht gefragt:
Was braucht denn Ihr Sohn
für den Abschlussstag?

Mein Junge, mein Hase,
denke ich matt – 
du bist der Einzige,
der nichts bekommen hat.

Single Mama mit Tränen in den Augen.         
Die anderen Mamis
hoben ihre Augenbrauen
und schüttelten den Kopf
und flüsterten sich zu –

Ich weiß nicht mehr, was.
Doch in ihren Blicken lag
das moralische Tabu.

Frau Kitaleiterin in ihrem Zimmer
zuckte die Schultern,
dachte:
typisch, wie immer,
sagte:
„Schließlich müsse sie nicht alles alleine machen,
die Eltern selbst
müssten Infos beachten.“

„Das war nicht die Frage“,
hatte ich ihr gesagt. 
Sie hätte improvisieren können –
nicht für mich,
sondern für den Jungen an seinem
letzten Kindergartentag.

Sie hätt doch schließlich informiert?!

Ihr Verhalten wirkt
mehr als nur einstudiert.

Die E-Mail nicht gelesen –
das wäre ja Pech.
Trotzdem fühlte sie sich
wie immer
im Recht.

Vielleicht war sie das auch,
ich kenn meine Pflicht,
nur alles nacheinander anzubringen –
das schaffe ich nicht.

So wars früher. Und so ist es heute.

Immer weiter unter Druck,
und ohne Punkt.
„Beeil dich!
Jetzt mach schon!
Ich will dir nicht schon wieder drohn.“

So langsam wird der Junge flügge.
Verlässt schon mal das Nest –

Jetzt statt Kuschelhund:
das Handy an die Stirn gepresst.

Letztens bei McDonald’s –
wollt ich nen Kaffee trinken.

Jonah wieder ungeduldig,
sagt, ich würde stinken,
sagt, ich wäre fett –
und kippt seine Sprite in mein Getränk.

Und zu allem Überfluss will er ein Geschenk.

„Ich glaub, ich spinne!
Jetzt hör mal auf!
Wie oft muss ich es sagen?!
Hör auf zu fragen, zu plagen –
geh und such dir ein Hobby,
einen Zeitvertreib.

Ich bin es leid,
den Kopf hinzuhalten
für alles und für immer.
Statt besser wird es schlimmer.

Ich hab das Gefühl:
Es wird mir zu viel.

Ich bin bereit zu gehen.
Du wirst schon sehen –
irgendwohin.

Irgendwann weg.

Ich brauche dringend,
ich brauch jetzt dringend
mein Versteck.“

Später dann zu Haus:
Es sieht wieder aus.
In seinem Zimmer –
ein Durcheinander:
Bücher.
Kleidung.
Schokopapier.
Chips –
verquirlt miteinander.

Hier gibt es nur zwei Räume –
zu wenig für fette Träume,
aber zu viel für Chaos
überall
und alles ist planlos –

Besonders in meinem Kopf.
Der ist kritzel-kratzel-dicht. 

Ich kenn ja meine Pflicht.
Bloß all das nacheinander anzusiedeln –
das schaffe ich nicht.

„Hast du dich mal umgesehen,
wie schlampig es hier ist?

Ich kann es gar nicht glauben,
dass du immer deinen Kopf vergisst.“

Und ja – den Jungen schon wieder gedisst.

Mittlerweile ist es Abend
– nein –
es ist schon Nacht.

Die Hausaufgaben
sind noch immer nicht gemacht.

Draußen dunkel.
In der Küche brennt Licht.
Im Fensterspiegel –
mein
verzerrtes Gesicht:

„Jetzt mach! Beeil dich!
Mathe macht sich nicht von selbst!“
„Ich weiß nicht,
warum du dich immer
so anstellst!“

Sein Stift fällt runter.
Zum hundertsten Mal.

Ich will nicht mehr,
denkt Single Mama.

Aber es war ja meine Wahl
vor dreizehn Jahren.
Oder nicht?

So langsam
scheiß ich
auf die Single-Mama-Pflicht.

Ich schrei:
„Warum bist du so schlimm?“
Dann –
im Fenster: mein Spiegelbild.

Und im Kopf die Frage:
Ob ich das nicht selber bin?

Selber bin wie meine Mutter früher.
Ich höre ihre Stimme –
ich erkenne mich wieder.

„Mädchen sind doch auch nur Mädchen“, 
hatte ich ihr gesagt –
aber sie hat damals
nicht danach gefragt.

„Zieh doch mal ein Kleidchen an!
Und setz dich richtig hin!
Du hast vier Jungs verprügelt,
du treibst mich in den Wahnsinn –
und hast du dich mal umgesehen,
wie schlampig es hier ist?
Ich kann es gar nicht glauben,
dass du ein Mädchen bist.“

Jetzt bin ich Single Mama – 
Resteverzehrerin.
Hab Verehrer –
hätt aber lieber mal
Verehrerinnen.

Immer ohne Tempos
bin ich noch unterwegs –
und ich frage mich:
Wie lang das noch so weitergeht?

Stattdessen würd ich lieber fragen:
„Jonah… hast du heute schon gelacht?“
Aber angefressen schrei ich rum:

„Hast du Mathe schon gemacht.“ 〜

klrxT Ɣ

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