Behörden – ✎
Poesie
April, 2020
Meine Texte
entstehen in Zuständen.
Aus Wut.
Aus Liebe.
Aus allem dazwischen.
Und manchmal
inmitten meines Lebens
in Formularen.
Im April 2020,
zwischen Klinikgelände, Kinderhänden
und alltäglichem Zettelkram,
hab ich es irgendwann gerafft:
Wenn Behördenpost dichter kommt als jede Poesie –
dann muss sie auch so behandelt werden.
Der Text dazu geht so:
〜
Wieder ist das Jahr vorbei,
ich merke es daran,
dass die Post so nebenbei
die Postbox füllt,
bis sie langsam überquillt.
Die meisten Schreiben von der Stadt:
Nachweise, Bescheide,
Abrechnungen, Thema:
Unterhalts-
vorschuss.
Anforderung von Belegen
und dann:
Elternbeiträge für die Betreuung von Kindern in Tages-
einrichtungen.
Wie jedes Jahr steht diesbezüglich eine Prüfung an, wie man in dem Schreiben
kryptisch lesen kann.
Hier ein Wort, da ein Satz,
noch ein Zeichen und kaum Platz.
Viele Zahlen in der Tabelle
– wer lesen kann, so auf die Schnelle,
ist nicht immer klar im Vorteil.
So verweil ich bei dem Schreiben
und versuch, mich zu beeilen.
Dieses Amt will das nun haben,
jenes Amt stellt andere Fragen,
was ich immer lesen kann,
ist nicht gleich auch das,
was ich gut verstehen kann.
Der
Entscheidungs-
apparat
(Klammer auf, die Stadt Bonn, Klammer zu)
hat mal wieder was parat.
Letztlich wirft er mir was vor,
das klingelt,
schallt und knallt im Ohr:
Eine Nachzahlung soll ich leisten!
Mir über 1.500 Euro aus den Leisten reißen –
oder wie man hier auch sagt,
aus den Rippen schneiden.
Und damit kann ich nicht vermeiden,
dass ich in den Kreiden stehe
und ich flehe,
dass ich jetzt
keinen impulsiven Fehler begehe,
denn … mannnnn …
die haben sich bestimmt vertan.
Aber mal von Anfang an:
Tatsächlich –
hab ICH mich vertan –
oder eher: etwas vergessen.
Und jetzt in aller Seelenruh
geb ich das auch gerne zu.
Den Steuerbescheid sollte ich einreichen,
komplett – also mit allen Seiten –
und wie?
Kaum zu fassen, aber alles in Kopie.
Doch zu Corona-Zeiten
wollt ich alles online vorbereiten.
Außerdem – und das als Plus – der Vermerk der Stadt, ob man dringend drucken muss.
So hab ich Dokument um Dokument
von zu Haus aus eingescannt
und dem Amt dann zugesandt.
Schnell, per Mail.
Check.
Dann im sonnigen Frühling,
zwischen systemrelevant
und Homeschooling,
zwischen E-Mails,
Hausaufgaben
und noch mehr Briefen,
die fast alle aus dem Ruder liefen –
hab ich was versäumt.
Nein, ich war nicht verträumt –
sondern immer auf dem Sprung
und nicht mal mehr mit so viel Schwung.
Dann ein weiteres Schreiben mit der Post:
Der Bescheid!
Über die Änderung der
Elternbeiträge für Kinderbetreuung.
Ich hatte mal wieder nicht so viel Zeit
an diesem Tag
und auf den ersten Blick gedacht:
Ok, das hat jetzt nicht so viel ausgemacht.
4 Euro monatlich mehr soll ich ab sofort bestreiten –
darauf muss ich nicht herumreiten,
und für die beste OGS der Welt
werde ich das gerne geben
und mach mir keinen Stress deswegen.
Beim zweiten Blick auf das Papier
ärger ich mich aber mehr:
Die Nachzahlung –
sozusagen 1.560 Euro her!
Sie erlassen mir den Höchstbescheid
und ich falle fast vom Hocker,
denn die Stadt stellt es so dar,
als hätte ich im Jahr über 70.000 Euro locker.
Ich recherchiere
und kopiere und
vergleiche die Bescheide
und überlege über Nacht:
Was hab ich denn bloß falsch gemacht?
Ok, ein Widerspruch muss her,
denn ich bin kein Großverdiener –
oder keine Großverdienerin,
die Formulierung ergibt hier eher Sinn.
Ich setz mich also zur Wehr –
auf dem Postweg und natürlich mit Beleg.
Und nach weiterer Recherche,
in der ich mich echt gut beherrsche:
Eine Mail vom Amt –
und das Haar in der Suppe.
Oder besser: die Perücke.
Denn nicht wegen der Einkommensgruppe steht die Nachzahlung aus,
sondern wegen einer Lücke …
in meinem eigenen Chaos.
Und jetzt kommt die Brücke:
Ich habe es versäumt.
Nein, ich war nicht verträumt,
aber zwischen Klinikgelände,
Kinderhänden,
Schulaufgaben
und Prüfbeständen
dem Amt den Nachweis
über den Unterhaltsvorschuss
zuzusenden.
So steht geschrieben in der Mail:
Der Nachweis habe nicht vorgelegen –
in der mir bekannten Frist –
und deswegen sei der Elternbeitrag
als Höchstbescheid gegeben.
Natürlich satzungskonform –
check.
Und gefangen in der Norm –
nein, im Normendickicht,
denn die Stadt Bonn
verweist auf
mangelnde Mitwirkungspflicht.
Der Widerspruch läuft!
Aber vorsichtshalber
schick ich ein weiteres Schreiben hinterher,
auf Papier,
via Postweg
und natürlich mit Beleg:
Es täte mir leid und
natürlich sei ich bereit,
den Bescheid
über den Unterhaltsvorschuss nachzureichen.
Aber bitte –
Sie mögen doch von der
Nachzahlung abweichen.
Check.
So – die Antwort, steht noch aus,
also warte ich wieder zu Haus
und hoffe zwischen
Klinikgelände,
Kinderhänden,
Schulaufgaben
und Prüfbeständen
den Abhilfebescheid in der Postbox vorzufinden,
mit der Post (klingeling),
die diese füllt,
bis sie langsam überquillt 〜
KlrxT ❤︎ ɣ