Resonanz
Räume﹌
Schwarzer
Schmetterling
II – die Existenz

Der Platz ist leer
über meiner Wohnungstür.
Gewaltiger Falter.
Früher nicht mein Ding.
Jetzt ist er verloren –
der schwarze Schmetterling.
Ich will nicht, dass er nicht präsent ist.
Ich will wissen, wo seine Existenz ist.
Ich guck nach, ob er versteckt unterm Bett ist,
such hinterm Vorhang,
im Regal,
bei den Tassen –
überall.
Er muss da sein,
denke ich stur.
Die Wohnungstür immer geschlossen.
Nur beim Raus- und Reingehen kurz mal offen.
Wenn er weggeflogen wäre,
hätte ich das gemerkt.
Oder war ich überhastet?
Zu ausgelastet in meinem Alltag?
Manchmal schaff ich den Spagat
zwischen Urknall
und augenblicklichem Zufall –
manchmal auch nicht.
Das war wohl die Lücke,
in der er entwich.
Dort, wo der tiny Körper war,
wo das flauschige Knotenhaar
sich unter dem Flügelpaar versteckte –
fehlt jetzt der Schatten.
Der schwarze Schmetterling,
an der weißen Zimmerdecke,
an einem fremden Ort,
will zurück in seine Heimat.
Natürlich frei sein,
nicht hier allein.
Und dann weiß ich,
warum ich plötzlich
mit mir ringe
–
es ist,
weil ich den Schmetterling
mit einem Menschen
in Verbindung bringe.
Ich sehe ihn vor mir,
als sei es gestern gewesen.
In seinem Gesicht
kann ich den Hunger
nach Leben ablesen.
Seine klare Art zu reden.
Und wie er sich bewegte.
Er hatte Ziele, nach denen er strebte.
Damals, vor 18 Jahren:
…
Der Partyclubraum – nicht so voll.
Wir stehen nah zusammen, trinken Bier und reden viel.
Du erzählst, wofür du brennst. Dass du singst in einer Band.
Heimlich seh ich dein Profil, hör dir zu – die Zeit steht still.
Zeit scheint unbegrenzt.
Aber die Zeit mit ihm war nicht unbegrenzt.
Sie fand ein schnelles Ende.
Er ging zurück in seine Heimat –
seine neue Existenz,
für mich –
die absolute Lebenswende.
Das ist lange her.
Und es ist der Vibe,
der bleibt.
Aber das ist nicht der Punkt.
Um das Ganze rund zu machen,
geb ich zu:
Da sind noch Sachen
mit dem Dude vor 18 Jahren,
die mich bewegen
und an mir nagen.
Ich suche ihn im Netzwerk –
auf Facebook und so weiter –
und finde ihn
und sehe:
er lebt, wie es scheint, befreiter.
Er steht auch dort auf Bühnen.
Mit einem Mikrofon.
Und ich habe mittlerweile einen Teenage-Sohn.
Aber –
ich trau mich nicht zu liken
und nicht zu schreiben:
18 Jahre lang.
Aber ich will es nicht bestreiten:
dass ich das auch ändern kann.
Ändern will.
Und dieser Gedanke wirkt schrill,
ruft einen penetranten Laut in mir hervor –
als wäre eine Sopranistin
auf ihrem höchsten C steckengeblieben.
Als hätte sie den Schmetterling vertrieben.
Denn Schmetterlinge
hören auch
mit ihren Flügeln.
Sein Foto im Netzwerk.
Ein Klick.
Ich schlage das Display runter
und springe zurück.
Er antwortet.
Ich antworte.
Wir schreiben.
Und Stück für Stück
sinnieren wir über den Vibe
der Zeit 2006 –
der nach Wiederholung schreit –
auf eine Art und Weise,
die ich mir leise wünsche.
Aber nach und nach
bin ich mehr und mehr erschüttert,
wie er über sich denkt.
Sich von oben herab abschmettert.
Und wenn wir telefonieren,
trinkt er keinen Kaffee.
Und nicht ein Mol,
sondern 1–2 Flaschen
von diesem Nervengift.
Es tut weh.
Und ich fühl mich seltsam hohl,
wenn ich ihn dann seh –
oder besser: reden höre.
Seinen Rückzug spüre.
Sein Verlorensein.
Ein einsamer Mensch.
Er kommt mir vor wie ein Schatten
seiner Existenz –
als hätte das Leben ihn
aus seinem Leben verbannt.
Wirkt er auf eine zarte Weise
ausgebrannt.
Ihm ist ziemlich alles egal.
Dass er mich eigentlich
nicht wieder verlieren will,
ist irgendwie klar.
Aber sein Verlorensein
hindert ihn daran.
Und was heißt denn dann „will“,
wenn er selbst nicht kann?
Und wieder klingt es schrill
in meinen Ohren –
sechsgestrichene C-Oktave.
Schmetterling.
Verloren.
Damals, 2006:
Ich absorbiere die Frequenz deiner starken Stimme,
schließe sie tief in mein Herz
und sehe – du gewinnst immer auf der Bühne.
Dann lächelst du mir ganz kurz zu.
Ich schau dich lange an
und wünschte mir,
es wäre nicht so.
Aber du bist mein Mann.
Und dann war er plötzlich weg
2006 –
Ich verreckte innerlich,
trank zu viel von dem Gift
und ersetzte die Lücke,
die er hinterlassen hatte,
mit einem Mann,
den ich schnell satt hatte.
∿
Und so vergehen 18 Jahre
voll ungestellter Fragen.
Sein Bild – in Schwarzweiß –
an meiner Zimmerwand.
Er auf der Bühne,
mit Mikro in der Hand.
Erinnerung an eine Zeit,
die nach Wiederholung schreit.
So bin ich nicht mehr, sagt er,
mit verwaschener Stimme –
am Telefon.
Du wirst sehn,
ich kämpfe seit Jahren schon
mit dem Problem.
Und als wollte er mich überzeugen,
keine weitere Zeit
mit ihm zu vergeuden,
fragt er:
Warum interessierst du dich noch für mich?
Ich bin ein einsamer Mensch, alt geworden,
trinke, rauche und kann mich nicht aufraffen.
So spricht er weiter
mit seinen
selbst-
geschaffenen Waffen.
Greift nach dem Nervengift,
das die Leere im Kern verdichtet.
Wie ein Schwert,
das den Selbstwert vernichtet.
Verloren im Stimmungs-
wechsel –
etappenweise.
Gute Laune.
Stimmungstief.
Selbstmedikation als Dauerschleife
mit Endlosfunktion.
Würde man einem Sänger
seine Stimme entziehen,
würde man ihm seine Würde nehmen.
Das Kostbarste, womit er heilen kann:
Gesang als Ausdruck
des Leidens im Leben –
als Übergang.
Und ich wollte schwören:
Schwarze Schmetterlinge
können mit den Flügeln hören.
Gewaltiger Falter.
Früher nicht mein Ding.
Er ist verloren.
Und ich weiß jetzt,
warum ich wieder mit mir ringe.
Es ist, weil ich den Schmetterling
plötzlich wiederfinde.
Ein Musikvideo.
Die Nahaufnahme des Sängers.
Der Vibe seiner Stimme.
Die samtige Art –
wie eine Hymne an das dämonische Wesen,
das als Tätowierung
seine neue Existenz offenbart.
Auf der Körper-
vorderseite,
in Höhe der Schlüsselbeine,
Wie ein Schutz fließt der Schmetterling
über die Region der oberen Brust.
Die Flügel geöffnet,
spähen unter dem Ausschnitt
des T-Shirts hervor.
Vielleicht saß er schon dort,
bevor ich ihn verlor?
Aber es gibt keine Gleichzeitigkeit
an allen Orten.
Wir beschreiben Ereignisse
mit vergänglichen Worten –
und haben keinen Einfluss
auf den Vibe der Zeit
in vergangenen Dingen –
auch wenn wir den Schmerz
des Lebens wegsingen,
können wir nur die Zukunft
gestalten –
als neue Existenz.
Vielleicht.
Wenn wir die konstruierte
Liebe am
Leben erhalten.
Aber –
es ist nur ein Video.
Und der Schmetterling ruht weiter
in Pianissimo –
auf der Haut
über des Sängers Brustbein.
Und die Flügel verschlucken alles
Licht im Dasein.
Da fällt mir ein Text ein,
den ein Wissenschaftler schrieb –
in der Welt der Physik –
dass tiefste Nanostrukturen
auf den Schmetterlingsflügeln
das Licht absorbieren
und zu diesen schwarzen Effekten führen.
Es kommt also nicht
auf des Flügels Muster an.
Licht dringt besser in
Länge und Tiefe voran.
Und in meinen Gedanken:
Vielleicht erwärmt das Licht
des Sängers Kern
über Nacht –
bis zum Sonnen-
aufgang.
Ja – es ist nur ein Video.
Aber alles ist Auslegungssache –
und das schafft Vertrauen.
Und ich will –
wie es sich darstellt jetzt –
einfach mal glauben 〜
KlrxT ❤︎